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20.30 Uhr – Projektion für Frank Stella

Visual Artist: Robert Seidel

Exuviae

In der Zoologie beschreibt der Begriff „Exuviae“ die abgestreiften Häute von Tieren, etwa von Insekten oder Schlangen – leere, fragile Hüllen, die deren Körper hinter sich lassen. Eine verwandte Begrifflichkeit kennt der Metallguss: die „verlorene Form“, jene Schale, die zerbrochen werden muss, damit die Skulptur aus ihr hervorgehen kann. Sie liegt dem Modell, dem Ausgangskörper, vollständig an und wird doch niemals Teil von ihm. Ihre Aufgabe endet in dem Augenblick, in dem sie gelingt.
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Robert Seidel: Exuviae

Die vier Arbeiten der „Hudson River Valley“-Reihe des italo-amerikanischen Künstlers Frank Stella lassen sich als Ergebnisse eines solchen Prozesses lesen. Ihre Kurven entstammen nicht allein der freien Hand, sondern entspringen Zeichenschablonen oder der digitalen Modellierung, etwa von Zigarrenrauchringen. So entsteht eine komplexe Sprache von Formen, die einander durchdringen, was nur am virtuellen Modell widerstandslos möglich ist. Physikalische und digitale Fehler, die es in der klassischen Skulptur oder der 3D-Konstruktion von Architektur zu vermeiden gilt, rückt Stella ins Zentrum seiner Arbeit. Auch die Rohheit der Oberflächen oder die erkennbaren Gießtrichter zeugen von jener Freude am Unvorhersehbaren jenseits von Hochglanzpolitur und industrieller Präzision.

Die umfangreiche Stella-Ausstellung „Heinrich von Kleist“ in Jena im Jahr 2001 hatte großen Einfluss auf meine frühen Experimente mit 3D-Software. Sie hat mir gezeigt, dass das Digitale keine inhärente Ordnung, keine Grenzen durch Physik oder Logik haben muss. Während Stellas Werkstatt einen erstarrten Moment dieser Verfahren schuf, habe ich mich in meinen Filmen, Installationen und Projektionen dem Festhalten dieses Werdens, dieses kontinuierlichen Veränderns von Form, gewidmet.

25 Jahre später treffen feste Form und ephemere Projektion aufeinander. Abstrakte Entsprechungen der archaischen Bewegungen, in denen das Metall überführt wurde, werden nun auf die Güsse projiziert: Schmelze, Durchdringung, Erstarren, Nachglühen. Das Lichtbild legt sich dabei um die Skulptur wie eine Haut, die noch in derselben Nacht abgestreift wird – eine Häutung, zu der der Stahl aus eigener Kraft nicht fähig ist. Kein fremdes visuelles Vokabular wird eingetragen, keine Geometrie nachgeahmt, keine Oberfläche verändert. Zu keinem Zeitpunkt wird die Projektion wesentlicher Teil der Skulptur; sie bleibt, was die verlorene Form gewesen ist: Hülle, die anliegt, ohne eins zu werden.

Frank Stella starb im Mai 2024. Was in Jena zurückbleibt, sind vier Güsse: „Garrison, „Newburgh“, „Peekskill“ und „Bear Mountain“, deren Urheber und Gussformen gleichermaßen verloren sind. Die Projektion auf dem Ernst-Abbe-Platz ist das Epitaph für einen Abend: eine Inschrift aus Licht, die nichts festhält und nichts überdauert. Dass Stella meinen eigenen Weg in die Abstraktion geprägt hat, macht die Rückkehr weniger zu einer Hommage als zu einer späten Antwort an einen der wegweisenden Künstler des 20. Jahrhunderts.